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Die Thomas-Schule

Kirchenzeitung Zusammenhang

 

Pater Sporschill erzählt von einem nächtlichen Streifzug um den Nordbahnhof in Bukarest. 

Kinder und Jugendliche kamen aus Kanallöchern, aus Ruinen und Metro-Stationen und liefen mir nach. Die Horde wurde immer größer und ungestümer. „Wir wollen etwas zu essen! Hast du einen Platz für mich? Es ist kalt, ich möchte Schuhe!“ Andere waren krank, hatten Schmerzen, Fieber, Ausschläge, ein Mädchen war schwanger. Ich fühlte mich überfordert und hatte ein wenig Angst. Ich ging schneller, aber es wurden trotzdem immer mehr, die mitliefen. In einem Geschäft, das auch nachts geöffnet hatte, kaufte ich, was sie sich gewünscht hatten: Brot, Wurst, Milch. Die Verteilung war schwierig.

Ivan wollte nicht essen, sondern mit mir reden. Er hatte einen etwa vierjährigen Buben an der Hand und zog mich ins Vertrauen. „Der ist zu klein, um auf der Straße zu überleben. Für ihn brauchen wir einen Platz auf der Farm.“

Ivan erinnerte mich an Mose, als er die Schafe hütete. Gott sah, wie er einem verlorenen Schaf in die Wüste nachging, und dachte sich: Das ist der Hirte für mein Volk. Ivan rettete nicht nur den kleinen Razvan, sondern half mir oft am Bahnhof, beschützte mich, führte mich dorthin, wo Kinder in größter Not waren. Später lebte er mit anderen ehemaligen Straßenkindern in einer unserer Wohngemeinschaften, er arbeitete und holte nebenbei seinen Schulabschluss nach. Ivan hat zuerst gerettet und wurde dann selbst gerettet – nicht umgekehrt.

An Ivan sah ich, dass unsere Straßenkinder für ihre Heimat einmal wichtig werden würden. Aber er war nicht der Einzige. Niculae, der ehemalige Straßendieb, wurde Lehrling und wollte später unsere Landwirtschaft übernehmen. Costel, der von seiner psychisch kranken Mutter verstoßen worden war, besuchte sie regelmäßig in der Anstalt und machte seine Gesellenprüfung als Bäcker. Florin kam als psychisch geschädigtes Kind in unser erstes Kinderhaus und wurde ebenfalls gelernter Bäcker. Eugenia, das Straßenkind, hatte selbst ein Kind bekommen und lebte mit zwei anderen Mädchen in einer Wohnung; alle waren sie gute Mütter.

Was würde aus diesen Kindern werden? Die Frage brachte mich zum Träumen. Eines wird einmal die Kinderhäuser und CONCORDIA leiten. Razvan wird mir einst im Alter beistehen. Ein anderes will Kinderdörfer bauen, damit es keine Kinder mehr geben solle, die auf der Straße leben.

 

Der kleine Rares uns sein Cousin Robert zeigten mir ihr Versteck direkt gegenüber dem Bahnhof, ein verrostetes Autowrack ohne Fenster und ohne Motor. Einer schlief unter der Motorhaube, einer im Kofferraum, zwei andere im Inneren. Sie waren stolz auf ihre "Villa mit drei Zimmern". Ein Schrotthaufen mitten in der Stadt, übersehen oder geduldet? Hier lebten meine Freunde. Sie bekamen von uns etwas zu essen und brauchten Medikamente. Rares war von einem Straßenhund völlig zerbissen worden. Wie er mit den Wunden und Narben mitten im Dreck nur existieren konnte!

Die zwei Buben führten uns mit viel Witz und Herzlichkeit in ihre Welt. Sie machten nicht nur mich glücklich, sondern auch einen Freund, der wegen seines hohen Alters oder weil die Not ihn schreckte langte nicht gewagt hatte, nach Rumänien zu kommen. Welche Freude durften wir erleben! Kinder, die ihre Liebe zeigten, natürlich auch Zorn und Verzweiflung, und das Glück, dass wir Leben retten konnten und zusehen durften, wie die verlassensten Kreaturen wieder aufblühten, wenn sie – wie in der Taufe – eingetaucht wurden in Zuneigung. Die Kinder rissen die graue Wolkendecke der Konflikte und Rückfälle, der Mühen und des Alltags immer wieder auf und offenbarten uns die Liebe Gottes. Sie brachten mich auch auf unser Motto für das neue Arbeitsjahr 1999/2000: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden." (Mt. 21,42) Die Straßenkinder waren von ihren Familien, ihren Müttern und Vätern, von der Gesellschaft verworfen, aber sie waren es auch, die mir und meinem Freund tiefe Freude gaben und uns ein Fundament spüren ließen, das trug – in der Gebrechlichkeit des Alters genauso wie in der Überforderung in der Sozialarbeit.

Das Evangelium zeigt uns zwei verschiedene Weisen, zum Glauben zu kommen. Die erste ist der Weg der Vorsichtigen, der Jünger. Sie sind in der Gemeinschaft, um miteinander ihre Erfahrungen über Erziehung und Kinder und allgemein über ihre Erlebnisse auszutauschen, aber hinter verschlossenen Türen. Das ist der normale Weg. Hier tritt Jesus mitten hinein in die Kirche, in die Gemeinschaften, in die Familien und in den Gottesdienst und schenkt uns den Frieden: in der Heiligen Kommunion, in der Vergebung, in der Gemeinschaft. Es ist die Erfahrung, die ich mit meinen Jugend- und Kindheitserinnerungen, mit dem selbstverständlichen Glauben, der mir damit geschenkt war, verbinde.

Aber das Evangelium zeigt uns auch noch einen zweiten Weg. Es ist der schwierigere Weg, der Weg des Thomas, der zuerst protestiert und Fragen stellt. Dieser Thomas, der nicht aufgibt, sondern kritisch ist, dem ein Wort allein nicht genügt, muss es selbst spüren. Ist dieser Thomas nicht ganz nahe bei der heutigen jungen Generation? Er, dem es nicht einfach genügt, was die Älteren sagen, Er, der wie die Jungen sagt: Ich will selbst meine Erfahrungen suchen, nachdenken, Fragen stellen.

Auch meine Straßenkinder kann ich nicht mit einem frommen Wort aus ihren Kanallöchern holen und zu braven Kindern und Schülern machen. Sie haben mir gezeigt, dass ich mit ihnen den Weg des Thomas gehen muss: lange streiten, nicht wissen, was herauskommt, nicht wissen, ob es ein Erfolg wird, sondern einfach dabeibleiben, mit ihnen die Not, die Fragen, die Rückfälle teilen, miterleiden. So ist jede Sozialarbeit. Jeder Umgang mit einem schwierigen Menschen, auch in der Familie, bedeutet mitzugehen und alle Zweifel zu ertragen. Aber wenn wir treu sind und nicht aufgeben, wie es die Jugend und die Straßenkinder von uns fordern, dann kann uns dieser Weg dorthin führen, wo wir am Ende staunend bekennen: Mein Herr und mein Gott.

 

Aus: Georg Sporschill: Die zweite Meile. Ein Leben mit Hoffnungskindern. (Ueberreuter 2006)

 

In den 80er-Jahren gründete Jesuitenpater Georg Sporschill, Jg. 1946,  für die Caritas die ersten Häuser für Obdachlose in Wien. 1991 wurde der er von seinem Orden nach Rumänien geschickt, um sich verlassener Kinder anzunehmen. Das von ihm ins Leben gerufene Projekt CONCORDIA ist seither zum Modell für Sozialarbeit geworden. Hunderte Kinder haben bei CONCORDIA einen Platz gefunden. Mittlerweile wächst das Hilfsprojekt auch in der Ukraine und in Moldawien.