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Ohne Kinder, ohne Eltern

Tiroler Tageszeitung

 

Im Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit im Armenhaus Europas. 

Das vergessene Land Moldawien und der charismatische Überzeugungskünstler Pater Georg Sporschill.

 

Chisinau – Der 12-jährige Stepan hat eine soziale Odyssee hinter sich. Vor drei Jahren musste er mit ansehen, wie seine Mutter ausrastete und eine andere Frau niederstach. Stepans Mutter sitzt seither wegen Mordes im Gefängnis. Der Vater ist ein schwerer Alkoholiker. Stepan war auf sich alleine gestellt. Doch er suchte immerzu des Vaters Nähe. Versorgte ihn mit Schnaps, weil er wusste, dass er somit nicht Schläge bekam, sondern so etwas wie Zuneigung. Das Geld, oder gleich den Schnaps, besorgte er, wie Stepan es sich beigebracht hatte. Die Zuneigung des Vaters schwand mit jedem Schluck aufs Neue. Irgendwann nahm der Bürgermeister von Pîrîta Stepan bei der Hand. Er fuhr mit ihm an den Dorfrand. Dort, wo noch vor 20 Jahren ein Jugendpionierlager des Sowjetregimes stand, entstand vor wenigen Jahren ein sehr wohnliches Quartier für Kinder, denen es ähnlich erging wie Stepan.

Mittlerweile heißt das Quartier „Stadt der Kinder“. Knapp 300 Kinder leben dort. Sie können lachen, spielen, bekommen regelmäßig ihre Mahlzeiten. Sie haben ein Zuhause, haben zurückbekommen, was ihnen von Suff, Tuberkulose, Bürgerkrieg und der verzweifelten Sehnsucht nach einem besseren Leben genommen wurde: eine Familie.

Geografisch liegt die „Stadt der Kinder“ auf dem Boden Transnistriens, jener abtrünnigen Region jenseits des Dnjestr (Nistru). In Transnistrien herrscht eine von Russland geduldete Mafia-Familie. Pîrîta liegt in einer Flussbiegung und blieb unter moldawischer Hoheit und bildet dort eine Art Exklave.

Moldawien war einst eine wohlhabende Sowjetrepublik. Hier wurde der Wein für das Riesenreich produziert. Doch mit der Auflösung der Sowjetunion begann der Zerfall. Heute gilt das Land als das Armenhaus Europas.

Seit dem Jahre 2004 ist Pater Georg Sporschill in der Republik Moldau aktiv. Zuerst waren es die Kinder, um die sich das Sozialprojekt Concordia kümmerte. Finanziell sehr großzügig unterstützt wird der umtriebige Vorarlberger Pater und Überzeugungskünstler von Hans Peter Haselsteiner, Chef des Baukonzerns STRABAG.

Sporschill besitzt, was man landläufig immer seltener antrifft: Charisma. Kaum beginnt er zu erzählen, sieht man seine Augen leuchten, ist man auch schon von ihm bezaubert. Kein Cent fließt aus öffentlichen Kanälen zu Concordia. Alles wird aus Spenden finanziert – und durch den Einsatz seiner Helfer. So bewahrt sich der Pater seine Unabhängigkeit.

Zwei der Engagierten, Sporschill nennt sie Volontäre, die derzeit in Moldawien arbeiten, sind Christoph Mayrhofer und Kathrin Föger. Sie musizieren mit den Kindern, helfen ihnen bei den Hausaufgaben – und sie versorgen die alten Menschen mit warmem Essen.

Denn kaum hatte Pater Sporschill mit seiner Arbeit vor Ort begonnen, musste er zur Kenntnis nehmen, dass das Dach dieses vergessenen Landes an vielen Stellen undicht ist.

Es waren die Kinder, die den Anstoß für sein zweites Projekt gaben. „Pentru parintii nostri – für unsere Eltern“. Denn so wie die Kinder oft keine Eltern haben, so haben auch viele Alte oft keine Kinder, die auf sie schauen. So wie Elena. Sie lebt mit ihren 92 Jahren in einem Häuschen, wo man hierzulande nicht einmal das Holz aufbewahren würde, weil es zu feucht ist. Doch einmal am Tag leuchten ihre Augen. Dann nämlich, wenn sie von einer der mittlerweile 40 Suppenküchen im Lande mit Essen auf alten Pferdekutschen beliefert wird. Elena wirkt glücklich. Trotz alledem. So wie Stepan. Seine Augen strahlen – als er einen bei der Hand nimmt und stolz sein Zimmer herzeigt.

 

Von Michael Sprenger

(Tiroler Tageszeitung, 13. März 2010)