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von Georg Sporschill SJ
Nr. 36117. Februar 2012

Was den Ordnungshütern verborgen bleiben muss

Noch nicht reife Entscheidungen, gewagten Plänen ist der Schutz der Intimität zuzugestehen.

Aber wegen der Pharisäer bekannten sie es nicht offen, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden.
Joh 12,42b

Ein junger Student aus Moldawien suchte eine Unterkunft in Bukarest. Wir nahmen ihn in unser Haus auf und bemühten uns um ein Stipendium für ihn, damit er im Studium vorankommen konnte. Der Neunzehnjährige erweckte große Hoffnungen, er war lernwillig, ehrgeizig und einsatzbereit. Doch nach wenigen Wochen hatte er öfter keine Zeit, wenn wir von ihm etwas brauchten. Zunächst wollte er nicht sagen, was ihn abhielt. Schließlich stellte sich heraus, dass er einen Job als Kellner in einem Gasthaus angenommen hatte. Das hatte er verschwiegen, aus Angst, das Zimmer bei uns zu verlieren. Und er wollte uns nicht enttäuschen. Nun erst merkte ich, dass er mehr Unabhängigkeit und Geld haben wollte, als es unsere Gemeinschaft ihm bot. Außerdem machte ihm die Arbeit als Kellner Freude.

Die Eltern des jungen Mannes sind einfache Menschen und nicht begütert. Stolz schauten sie auf ihren Sohn, der es bis an die Universität im Ausland geschafft hatte. Die Erwartungen von allen Seiten waren programmiert. Verständlich, dass unser Gast über Wochen hinweg verheimlichte, dass er sein Studium aufgegeben und ein neues Berufsziel ins Auge gefasst hatte. Er verhielt sich wie ein paar führende Männer in Israel, die sich eben erst Jesus und seiner jungen Gruppe angeschlossen hatten. Die Bewegung war noch in den Anfängen, die Pharisäer sollten davon nichts erfahren. Deren Aufgabe war es, in der Synagoge für Ordnung zu sorgen und Wildwuchs zu verhindern. Sie achteten darauf, dass der Gottesdienst und die Lehre rechtmäßig waren. Die Pharisäer waren Laien, die wegen ihres religiösen Eifers beim Volk hohes Ansehen genossen.

Die Männer aus der Synagoge, die sich Jesus angeschlossen hatten, identifiziert die Bibel als Führungspersönlichkeiten. Dass sie mit Jesus und seiner Aufbruchbewegung gingen, war politisch brisant. Sie wollten ihre geistige Heimat, die Synagoge, keineswegs aufgeben und spürten doch, dass Jesus sie in eine ganz neue Aufgabe führte. Während die Synagoge sich auf die eigene Gemeinschaft in Israel konzentrierte, wollte Jesus zu den Heiden gehen, zu den Menschen außerhalb Israels, die Hilfe und Orientierung brauchten. Dieses Anliegen war so radikal und neu, dass die Männer fürchteten, mit der Synagoge und ihren Ordnungshütern, den Pharisäern, in Konflikt zu geraten. Sie waren klug genug, um den Neuaufbruch im Verborgenen zu probieren. Die Zeit, sich öffentlich zu deklarieren, sollte erst später kommen. Dazu musste die Gruppe um Jesus noch an Sicherheit und Selbstbewusstsein gewinnen.

Der Student nahm, genauso wie die führenden Männer, den Raum des Geheimnisses in Anspruch, um sich zu verändern. Wer Neues beginnt, kann nicht allen alles sagen. Wenn ich etwas verheimliche, dann vielleicht deshalb, weil ich Unrechtes tue und ein schlechtes Gewissen habe − oder aber, weil ich Gewohntes durchbreche und eine Innovation schaffe. Noch nicht reifen Entscheidungen, gewagten Plänen ist der Schutz der Intimität zuzugestehen.

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