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von Ruth Zenkert
Nr. 35827. Jänner 2012

Ist es Zeit, hinzuschauen oder wegzuschauen?

Die drei Affen, die wegschauen, nicht hinhören, und den Mund zuhalten, tun das Richtige in der Zeit extremer Belastung. Die Bibel nennt es Verstockung.

Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.
Joh 12,40

 

Susi und Horst waren seit der Schulzeit zusammen, ihre enge Bindung war so selbstverständlich, dass sie bald heirateten. Sie übernahmen das Geschäft ihres Vaters und führten es zu großem  Erfolg. Jahre waren vergangen, Horst kam immer später nach Hause. Seine Frau bewunderte ihn wegen seines unermüdlichen Einsatzes. Da erzählte ihr eine Freundin, sie habe Horst mit einer Frau gesehen, Hand in Hand. Auf Susis Frage fiel Horst aus allen Wolken, beteuerte seine Unschuld. Susi war beruhigt. Dann fiel ihr eine E-Mail in die Hände, in der sich ihr Mann mit der anderen verabredete. Die Freundin bedrängte sie: Siehst du nicht, was los ist? Alle reden schon über euch. Er betrügt dich, seine Geschäftsreisen finden in italienischen Urlaubsorten statt. Schmeiß ihn raus, lass dir das nicht gefallen! Susi konnte den Betrug nicht fassen. Erst nach Monaten der Lähmung konfrontierte sie ihren Mann mit dem, was sie längst gehört hatte, aber nicht hören wollte. Sie hatte Zeit gebraucht, um sich dem Scheitern zu stellen. Nun nahm sie einen Anwalt.

Als die Katastrophe hereinbrach, war Susi wie gelähmt. Im Schockzustand war ganz Israel, nachdem die Assyrer die heilige Stadt Jerusalem überfallen und ausgeraubt hatten. Das erwählte Volk wurde mit seinem König in das babylonische Exil getrieben. Da gab Gott dem Propheten Jesaja den Auftrag: "Verstopf dem Volk die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört." (Jes 6,10f) In der unerträglichen Belastung der Versklavung hatte der Prophet die Aufgabe, die Menschen zu verstocken. Sie sollten wegschauen, nichts spüren und nichts hören, zumindest für eine bestimmte Zeit. Wie lange, Herr?, fragte der Prophet.

Die Zeit der Verstockung ist wie ein Verzögerungselement, das den Aufprall im Scheitern weniger stark spüren lässt. Das Johannesevangelium gönnt die Verstockung den Pharisäern zurzeit Jesu. Wie damals von den Assyrern ist Jerusalem nun von den Römern besetzt. Der Untergang steht bevor. In der äußerst angespannten Situation fehlt gerade noch, dass mit Jesus eine Aufstandsbewegung wächst. Eine religiöse Spaltung entsteht, die für das Judentum viele Jahrhunderte lang katastrophale Folgen haben wird. Das Evangelium formuliert voller Verständnis für Israel: "Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen ... "

Eine Zeit der Verstockung ist Voraussetzung für die Wende − im babylonischen Exil, zurzeit Jesu und im Scheitern einer Ehe. Unter extremer Belastung dürfen wir uns eine Zeitlang die Milderung gönnen, zu sehen und nicht zu sehen, zu hören und nicht zu hören, bis die Kraft da ist, das Unfassbare zu verstehen und etwas zu tun.

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